Solo show // Dom Gallery Wiener Neustadt

Einzelausstellung // Dom Galerie Wr. Neustadt

 

Petra Kaindel "Remembrance of things past"

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Eröffnungsrede, Dom Galerie, 3. Mai 2018

Günther Oberhollenzer, art curator:

 

„Ich denke im Grunde in Bildern und nicht in Wörtern“, betont Petra Kaindel, Bilder mit denen sie kurze und prägnante, visuell packende Geschichten erzählen möchte. Am Anfang steht ein gedankliches Bildkonzept. Um dieses umzusetzen, braucht Kaindel Hilfsmittel wie Skizzen und Fotos, fremde oder auch eigene. In der Umsetzung ist sie aber intuitiv, löst sich rasch von dem Ursprungsmaterial, emanzipiert sich von den Fotografien und folgt ihrem Gefühl. Das Bild entwickelt sich frei, es darf und soll sich verändern – ja es bekommt ein Eigenleben und überrascht die Künstlerin oft auch selbst, etwa wenn sie Details und Facetten entdeckt, an die sie gar nicht gedacht hat. Der geplante Zufall spielt eine tragende Rolle.

Stets wichtig ist ein passendes Lied. Ein Lied, das Kaindel inspiriert, das den Ton, den Klang, die Stimmung des Bildes trifft. So kann es vorkommen, dass sich die Künstlerin auch ohne Konzept nur durch Musik in die Malerei hineinfallen lässt und sich daraus, gemeinsam mit dem Text, der Stimme, der Melodie, eine Geschichte entfalte (ein schönes Beispiel dafür ist das melancholisch verträumtes „Paradis perdus“ nach dem gleichnamigen Lied gesungen von Christine and the Queens). So wie der Soundtrack zu einem Film gibt es zu jedem Bild ein Musikstück, das die Künstlerin während des gesamten Schaffensprozesses begleitet.

Bilder und Filme, Musik und Literatur können für Kaindel nicht getrennt voneinander gesehen werden, denn eine Textzeile oder Melodie löst eine Empfindung aus, eine Empfindung wiederum fließt in eine Farbe, eine Form. All das, was sie interessiert und bewegt, ihre Persönlichkeit und ihr Leben ausmacht, findet Eingang in den Malereien. „Ich habe mich stets in alles ,Menschlicheʻ gestürzt“, so Kaindel, „mit voller Wucht in das Schöne, aber auch in die Abgründe“. Das Bild „Unter Menschen bin ich der einsamste Wolf“ etwa, mit Bäumen und Ästen im Schnee (dazu das Lied „Bring mich nach Hause“ von Wir sind Helden) ist ein traurig romantisches Sinnbild für Einsamkeit und den Rückzug aus der Welt. Es drückt auch eine starke Verbundenheit mit der Natur aus – ein Gefühl, das sich durch Kaindels Leben in Italien verstärkt hat. In Kontrast dazu sehen wir eine expressive, sensible Malerei „Sometimes it snows in April“, ein schönes, leichtes Frühlingsbild, getragen von  sinnlichen Farben und ein paar vereinzelten weißen Schneeflocken (nach dem gleichnamigen Lied von Prince, der gerade verstorben war, als Kaindel das Bild malte).

In handwerklicher Meisterschaft gelingt es der Künstlerin, Bilder zu schaffen, die in ihren Motiven, ihrer Farbgebung und Komposition schlichtweg einfach schön sind. Doch darf zeitgenössische Kunst „schön“ sein? Sie darf. Nach Jahren der theorielastigen Kunstdiskussion wächst wieder die Lust auf und Sehnsucht an schönen, auch sentimentalen Bildern. Noch vor einigen Jahren reagierten Künstler wie Kuratoren mit Panik, sobald das Unwort „Schönheit“ in den Mund genommen wurde. Sie galt, absurd genug, als schlimmer Makel im Lebenswerk. Wurde dennoch Schönheit diagnostiziert, war man schleunigst bemüht, den Schleier der Diskurse darüber zu werfen. So war jedes abgemalte Foto ein Akt der Medienkritik, jedes gegenständliche Bild eine gesellschaftspolitische Reflexion. Doch so wurde man vielen Werken nicht gerecht. Kaindels Bilder sind meisterlich gemalt, Betrachterinnen und Betrachter einnehmend und gewinnend, ohne aber oberflächlich oder naiv zu wirken, sie sind voller Licht, farbintensiv und sinnlich, nicht jedoch lieblich oder gar kitschig. Kaindels Malereien, die Porträts, die Akte, auch die gesellschaftskritischen Arbeiten, sind schön. Und das ist meines Erachtens ohne Einschränkung als eine positive Wertung zu verstehen.

Die Künstlerin wünscht sich, dass wir von ihren Bildern berührt werden, sie unter die Haut gehen. So wie es ihr geht, wenn sie sie malt. Dabei möchte sich sich in ihrer Kunst „ohne Filter, ohne Netz“ mit der ganzen Bandbreite an Empfindungen auseinandersetzen und das sind nicht nur „schöne“ Gefühle: Freude aber auch Leid, Glück aber auch Traurigkeit, Einsamkeit, aber auch Verzweiflung. In diesem Zusammenhang sind die Arbeiten „No deer, Sir!“ und „Der Stoff, aus dem die Röcke sind“ zu sehen. Gewalt gegen Frauen und Sexismus beschäftigen Kaindel immer wieder – auch etwa Alltagssexismus in Österreich, nicht zuletzt auch in der Kunstszene. Für das Bild der knienden jungen Frau mit Hirschgeweih war die Silvesternacht in Köln Auslöser sowie eine Plakataktion der Schweizer Künstlerin Milo Moiré, auf dem stand, dass Frauen kein Freiwild sind, auch wenn sie nackt sind. Auf dem Bild „Der Stoff, aus dem die Röcke sind“ lesen wir hingegen fürchterliche Textzeilen, die wir leider alle kennen, wie etwa „Selber schuld, wenn man sich so anzieht“ oder „Sie hat es ja so haben wollen“.

Gleichzeitig fehlt es Kaindel nicht an Ironie, wenn sie zum Thema der Geschlechterrollen und Gleichberechtigung Werke ersinnt, so etwa das humorvolle Bild „The man of her dreams“, auf dem der Märchenprinz mit weißen Pferd zum nervigen Stalker umdeutet wird, „Monster“, auf dem sich die Frau in eine Gottesanbeterin verwandelt, weil sie sich Kinder vom Mann wünscht, oder auch „Shopping“, das sich über die Partnersuche im Internet lustig macht.

Im titelgebenden Werk der Ausstellung „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ geht es dagegen um die Zeit, die verfliegt, ein immer wiederkehrendes Thema. Die Musik zum Bild ist Sophie Hungers wunderbares Lied „Le vent nous porterà“ (Weil der Wind uns tragen wird). „Dem Babylon der heutigen Zeit kann man sich nicht entziehen“, betont die Künstlerin und meint damit – durchaus auch selbstkritisch – das „Gehetztsein, das ständige Erreichbar-Sein (müssen).“ Auf dem Bild ist eine junge Frau zu sehen, die ihren Blick auf das iPhone richtet und die so wundervolle Seerosenlandschaft im Hintergrund gar nicht bemerkt. Bilder wie diese sind uns vertraut: wir haben das schon gesehen oder uns auch selbst so verhalten – in der schönsten Naturlandschaft unterwegs zu sein oder auch in einem Kunstmuseum zu stehen, aber den Umraum nur bedingt wahrzunehmen, da es uns nicht gelungen ist, unseren Blick vom Handy, der virtuellen Welt zu lösen. All diese so tollen digitalen Entwicklungen, E-Mails und Homepages, Messenger und Facebook, Whats app und Instagram, die uns das Leben angeblich ungemein erleichtern sollen, nehmen uns oft in Geiselhaft. Und sie stehlen uns viel Zeit.

Der Titel ist dem Hauptwerk von Marcel Proust entlehnt (entstanden zwischen 1913 und 1927), ein Roman, in dem sich der Ich-Erzähler sein Leben von der Kindheit bis ins Alter in Erinnerung ruft und sich auf die Suche nach der Wahrheit und dem Sinn im Leben macht. Höhe- und Endpunkt ist die Erkenntnis, „das die Zeit verloren werden musste, damit sie überhaupt wieder erinnert werden kann“. Die These des Buches ist (nach dem Literaturkritiker Jürgen Ritte), dass man eigentlich nur retrospektiv in der Erinnerung, nie in der Gegenwart etwas erlebt. Deshalb ist es nur logisch, dass der letzte Band des Werks „Die wiedergefundene Zeit“ lautet. Auf unsere Gegenwart gemünzt und in Zusammenhang mit Kaindels Bild möchte ich noch eine weitere Deutung einwerfen. Wir leben und erleben heute oft nicht mehr bewusst und unmittelbar den Augenblick, das Hier und jetzt, sondern speichern alles in einer virtuellen Erinnerung: etwa in Fotos einer Eröffnung als Posting auf Facebook und Instagram oder in einem verwackelten Konzertvideo, hochgeladen auf youtube – je häufiger gelikt und geteilt desto wichtiger und erlebter erscheint uns die Erinnerung. Mir gefällt, dass Kaindel, um über dieses Thema zu reflektieren und es bloß zu stellen, das so traditionelle, statische wie auch kontemplative Medium der Malerei wählt.

Ich glaube gerade heute, in einer technisierten Welt, wächst wieder das Bedürfnis der Menschen nach gemalten Bildern, steigt auch die Nachfrage nach Authentizität und Persönlichkeit der malenden Künstlerin. In einer multimedialen Gesellschaft, in der wir täglich von tausenden Bildern berieselt werden, die morgen schon wieder nichtig sind, steigt die Sehnsucht nach einem Bild, das über den Moment hinaus bestehen, die Zeit überdauern kann. In einer Welt, in der alles öffentlich gemacht wird, in der durch soziale Netzwerke und Medien gewollt und ungewollt nüchtern jeder noch so private Winkel ausgeleuchtet wird, braucht es analoge gemalte Bilder, die wieder geheimnisvoll und vieldeutig, aber auch schön, sinnlich und berührend sind.

So wie die Bilder von Petra Kaindel.

 

 

Exhibition Vienna // Ausstellung Wien "RESPECT!"

21.06. - 05.10. 2017

ega: frauen im zentrum, 1060 Wien  // ARTSHOW ON 3 LEVELS // 40 PAINTINGS

Ausstellung auf 3 Etagen // 40 Gemälde

Fotos: Rainer Kriesch (c) / ega Wien


Exhibition Vienna Buch und Kunst

March - August 2017 // VIENNA 1st district

 

Fotos: Jenni Koller, Webseite:

http://www.jennikoller.com/

 

Galerie Moeëjen Daag

Grotestraat 61a

5931 CT Tegelen

The Netherlands

T +31 (0)77 3747510

M +31 (0) 646370816

www.moeejendaag.nl

 

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